• Wuwei

    by  • 28. August 2011 • Geisteshaltung • 0 Comments

    Zeit verstreichen, Etwas enstehen lassen.

    Zeit verstreichen, etwas entstehen lassen.

    wuwei bedeutet ein Handeln ohne den Dualismus von Subjekt und Objekt, ohne ein Ego, das handelt; ein absichtsloses, selbst vergessenes Handeln, dass ganz selbstverständlich, wie von selbst (ziran) der jeweiligen Situation entspricht; ein spontanes Handeln, dass sich völlig unvorbedacht dem jeweiligen Sachverhalt angepasst und auf ihn antwortet. Es kommt darauf an, im entscheidenden Augenblick intuitiv auf die Eingebung des Augenblicks zu vertrauen, anstatt nur auf den rationalen Diskurs und die Kalkulation zu setzen. Letztere sind zwar oft notwendig, um zu entscheiden, was wir tun sollen, oft aber auch nicht hinreichend im entscheidenden Augenblick, in dem es ankommt auf das, was wir tun können,….wer intuitiv handelt, ist leer, er reagiert spontan rezeptiv, er tut, ohne selbst zu tun.
    Günther Wohlfahrt

    Mit anderen Worten:
    Es macht sich selbst einen Weg beim Gehen. Wir machen gar nichts, es macht sich. Letztendlich.

    Damit sich weiter verwirrt, was noch in Ordnung ist:
    Unter den Gästen sind Agrarforscher, Studenten, Schüler, Hippies, Dichter und Wanderer, Junge und Alte, Männer und Frauen unterschiedlichen Charakters und verschiedener Nationalität. Die meisten derjenigen, die länger bleiben, sind jung und haben das Bedürfnis nach einer Zeit der Selbsterkenntnis.

    Meine Funktion ist es, Hauswirt dieses Gasthauses am Weg zu sein und den Reisenden, die kommen und gehen, Tee zu servieren. Sie helfen auf den Feldern, und ich genieße es, zuzuhören, was in Welt geschieht.

    Das hört sich nett an, tatsächlich ist es aber kein so sanftes und leichtes Leben. Ich befürworte “Nichts-Tun”-Landwirtschaft, deshalb kommen viele Leute und denken, sie finden ein Utopia, wo man leben kann, ohne jemals aus dem Bett aufzustehen. Diesen Leuten steht eine große Überraschung bevor. Im frühen Morgennebel Wasser von der Quelle tragen, Brennholz spalten, bis die Hände rot sind und von Blasen schmerzen, knöcheltief im Schlamm arbeiten – es gibt viele, die schnell aufgeben.
    Masanobu Fukuoka

    Vielleicht mag eine persönliche Erfahrung helfen, die mir das Konzept des Wuwei näher gebracht hat.

    Bei der manuellen Behandlung habe ich zunächst die Lehrbuchweisheiten möglichst genau umsetzen wollen. Ich hatte mir eine Diagnose zurecht gelegt und folgte all den Anweisungen, an die ich mich grad erinnern konnte. Und zwar möglichst strikt. Meine Vorstellung vom Behandlungsweg war wichtiger als die unmittelbare Reaktion, die mir der behandelte Mensch jetzt bot. Ja, ich war gar nicht darauf eingestellt, Reaktionen groß zu beachten. Was die Diagnose ergeben hatte, mußte ich getreulich abarbeiten. Natürlich war ich zu dieser Zeit dankbar, eine Richtschnur zu haben, die mich legitimierte zu handeln.

    Mir war jedoch immer unwohl bei dieser Vorgehensweise. Schmerzempfindungen schob ich auf die unumgängliche Methode oder den zimperlichen Menschen. So wenig wie ich bei Lehrbehandlungen nach einem Schema behandelt werden mochte, so ungern verabreichte ich solche. Ich hatte noch kein Vertrauen darin, meine Hände machen zu lassen.

    Als mein Empfinden für die Rückmeldungen feiner geworden war, wurde mir klar, daß ich meine Vorstellung von dem, was grad zu tun war, zurücknehmen mußte. Und vor allem, daß ich dies auch durfte. Die Behandlungen wurden freier und für die Behandelten wesentlich tiefer und präziser. Unnötiger Schmerz wurde vermieden und dennoch erreichte ich mehr, indem ich mich zurücknahm. Die Behandlungen gerieten mehr zu einem spielerischen Austausch. Je bereitwilliger ich mich einlassen konnte, also meine Vorgaben flexibel hielt, desto tiefere Schichten durfte ich berühren. Mein Tun bestand vor allem darin, geduldig abzuwarten, ob das Gewebe sich lösen und es sich mir öffnen mochte.

    Der Behandelte konnte weder sich befehlen, zu entspannen, noch konnte ich ihn wirklich mit Worten dazu bringen. Erst der angemessene Kontakt ließ die Öffnung und Erlaubnis entstehen. Wesen reagierte auf Wesen, der Verstand konnte grad die groben Linien vorgeben. Das Nicht-Tun wurde wichtiger als das Tun-Wollen. Und erstaunlicherweise wich dabei die Angst, es nicht gut zu machen, dem Vertrauen, daß eine heilsame Behandlung sich ganz von allein ergeben wird, wenn die Präsenz für den Augenblick bewahrt wird.

    Der Verstand muß und kann gar nicht ausgeschaltet werden. Wir verfügen jedoch über eine weit breitere Wahrnehmungsfähigkeit, als die, die der Verstand abbilden kann. Es könnte nicht in Worte gefaßt werden, was ein Ellenbogen empfindet, der seine Spitze in einen Reflexpunkt bohrt. Das ganze Wesen des Anwendenden spürt jedoch bei erfahrener Vorgehensweise genau, wie intensiv es sich eindringen lassen kann. Fehler und Schmerz entstehen nur dann, wenn der Behandelnde es an Achtsamkeit für den Moment fehlen läßt.  Wenn also der ständige Wandel erfahren wird und man Erklärungen auf später verschiebt. Im Moment braucht das Ich nichts zu wissen. Es genügt zu sein.

     

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